Um 6 Uhr klingelt der Wecker für die siebenjährige Sara* irgendwo in Bayern. Sie steht dann alleine auf, geht ins Bad, wäscht sich, zieht sich an. Mama ist wieder krank und liegt noch im Bett. Sara weiß, was zu tun ist: leise sein, Mama nicht wecken, etwas Essbares für die Pause suchen. Nur leider ist der Kühlschrank wieder mal leer. Also wird Sara wohl hungrig in die Schule gehen müssen.
Sara ist kein Einzelfall. In Deutschland sollen dem Deutschen Kinderhilfswerk zufolge 2,5 Millionen, allein in Bayern rund 140.000 Kinder ihr Leben unterhalb der Armutsgrenze führen müssen. Viele dieser Familien sind zwar durch staatliche Hilfe in ihrer Grundversorgung nominell abgesichert. Aber es gibt Fälle, in denen das Geld nicht reicht – und das in einer anscheinend großen Zahl: bei allein erziehenden Eltern, bei Pflegefällen in der Familie oder bei physischen oder psychischen Erkrankungen eines Elternteils, so wie es bei Saras Mutter der Fall ist. Nach der Scheidung von ihrem gewalttätigen Ehemann ging es zunächst bergauf, schnell jedoch blieben die Unterhaltungszahlungen aus. Streit war vorprogrammiert. Saras Mutter wollte das Beste für Ihr Kind und versuchte, mit kleinen Geschenken und Extras Sara von den Problemen abzulenken. Schließlich wartete ja auch die über neunzigjährige Großmutter noch jeden Tag auf ihre Pflege. Den Mehraufwand an Geld versuchte die Alleinerziehende durch zusätzliche Nebenjobs und Gelegenheitsverdienste aufzubessern. Eigentlich jedoch hätte sie als allein erziehende Mutter mit Halbtagsbeschäftigung besser für andere Dinge verwenden sollen. Ein kleiner Teufelskreis war entstanden: schließlich wuchs mit jeder Stunde Mehrarbeit auch ihr schlechtes Gewissen, noch weniger Zeit für Sara oder ihre eigene Mutter zu haben. Für sich selbst hatte die Mutter gar keine Zeit mehr und arbeitete schließlich völlig gegen ihre eigene Gesundheit.
„Solch extreme Belastungen in dieser Häufung münden dann oft in einer persönlichen Krise, die sich bis zur schweren Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung auswachsen kann,“ weiß Josef Schmiddunser vom fachpsychologischen Dienst des Franziskushauses in Altötting zu berichten. „Dies geht oft mit einem Realitätsverlust einher. Was von diesen Eltern eigentlich als gut für die Kinder gedacht ist, zum Beispiel ausgefallenes Spielzeug oder häufiges Fast-Food-Essen, ist natürlich in Wirklichkeit totaler Quatsch,“ sagt Schmiddunser, „und die Eltern übersehen, dass ihr Kind nur abgetragene Klamotten hat oder übergewichtig wird und letztendlich zum Außenseiter wird.“
Mit manchen dieser Kindern gehen die psychologischen Betreuer der Kindergärten, Schulen oder Betreuungseinrichtungen dann einkaufen, damit sie wieder etwas Ordentliches zum Anziehen haben. Und die Hänseleien und Anfeindungen wieder aufhören. Für diese Einkäufe gibt es allerdings kein Geld vom Staat: schließlich ist bei allen Familien nach den Buchstaben des Gesetzes die Grundversorgung gesichert. Würde das Jugendamt hier aktiv werden, wäre das Prinzip der Gleichbehandlung verletzt, würde manche Familien „bevorzugt“. Und das ist nicht zulässig.
Nach Schulschluss kann Sara endlich in die Mittagsbetreuung und etwas Warmes essen. Was Sara nicht weiß, ist, dass ihre Mama schon wieder das Geld für das Essen nicht bezahlt hat. Eigentlich dürften die Erzieher ihr gar keine Mahlzeit servieren. Aber wer bringt es schon übers Herz, die Kleine neben den schmatzenden Schulkameraden hungrig sitzen zu lassen. „Wenn’s geht, ist es ja kein großes Problem, einfach Stiftung WeltKinderLachen mehr Essen auszuteilen, als bezahlt und somit bestellt sind,“ sagt Diakon Thomas Zauner, Geschäftsführer des Seraphischen Liebeswerks und dadurch Träger mehrerer Kindereinrichtungen im Landkreis. „Wir beliefern mit dem Essen aus der Großküche des Franziskushauses in Altötting alle unsere Einrichtungen und können da ganz gut disponieren. Ein paar Essen mehr gehen da schon. Das ist unsere freiwillige Leistung zugunsten der Kinder, dafür bekommen wir von niemandem Geld. Ich kann mir schon Fälle vorstellen, wo das nicht so einfach geht und dann Kinder wirklich hungrig bleiben und den anderen beim Essen zusehen müssen“.
Kinderarmut und Benachteiligung sind auch im Jahr 2007 nicht nur Schlagworte. Die Gesellschaft ist seit den Zeiten von Charles Dickens und seines leidgeprüften Oliver Twist noch immer nicht wesentlich weiter gekommen. Es gibt nach wie vor Kinder in Deutschland, in Bayern, im Landkreis Altötting, die nicht genug oder schlichtweg Falsches zu essen bekommen. Und: diese unregelmäßige, schlechte oder falsche Ernährung ist nur ein Teil des Mangels, den diese Kinder leiden: sie sind auch sozial, kulturell, in ihrer Bildung, gesundheitlich und in ihren Zukunftschancen deutlich benachteiligt.
Hier möchte die Stiftung WeltKinderLachen zusammen mit vielen Partnern anpacken. Das Geld wird genau diesen Kindern zu gute kommen, die es wirklich brauchen. Das ist durch die Mithilfe von sozialpädagogischen Fachkräften und Erziehern in den Kindergärten und Ganztagesbetreuungseinrichtungen gewährleistet.
Zusammen mit der Volks- und Raiffeisenbank Altötting, die bereits 1.000 Euro, und der Frauenunion Altötting, die 250 Euro zur Verfügung gestellt hat, sind bereits 2.000 Euro Startkapital für dieses Projekt vorhanden. Ganz wichtig für alle Besucher des Altöttinger Christkindlmarktes: An den meisten der 80 Stände kann für diese Aktion von WeltKinderLachen direkt gespendet werden. Außerdem werden dort von den Fieranten gestiftete Artikel für diesen Zweck verkauft und der Betreiber des Marktes, der Altöttinger Wirtschaftsverband hat die große Spendensammlung an der Bühne des Marktes dieser Aktion der Stiftung WeltKinderLachen gegen Kinderarmut und Hunger gewidmet.
Spendenkonto:
Konto 606 707
Raiffeisen-Volksbank Altötting
BLZ 710 610 09
Stichwort: Kinderarmut
*Name von der Redaktion geändert.
Stefan J. König
5. Dezember 2007 |